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©Dirk Oberschelp

Geschichte:

Altertum und Völkerwanderung: Wahrscheinlich noch während des Neolithikums wanderten die Iberer von Afrika her nach S. ein. Von etwa 1100 v. Chr. bis ins 6. Jh. v. Chr. setzten sich die Phöniker entlang der gesamten S-Küste fest. Seit dem 7. Jh. v. Chr. griff auch die griech. Kolonisation nach S. über. Seit der Mitte des 6. Jh. v. Chr. gerieten weite Teile unter karthag. Herrschaft; nach dem 2. Pun. Krieg (218-201) musste Karthago sein gesamtes span. Gebiet an Rom abtreten. Bis in die Zeit des Augustus dehnten die Römer ihre Herrschaft über die ganze Pyrenäenhalbinsel aus. 409 n. Chr. strömten Sweben, Alanen und Vandalen tief nach S. ein, kurz darauf auch die Westgoten, die in S-Frankreich und Spanien das 475 von Rom unabhängige Tolosanische Reich errichteten. Nach dem Sieg des Frankenkönigs Chlodwig I. über die Westgoten (507) beschränkte sich deren Reich auf Spanien, wo sie sich nach ihrem Übertritt vom arian. zum kath. Bekenntnis an die hispanoroman. Bevölkerung assimilierten. Ihre Herrschaft endete mit dem Eingreifen der in Thronstreitigkeiten zu Hilfe gerufenen nordafrikan. muslim. Araber (Mauren), die unter ihrem Feldherrn Tarik das Heer des Thronkandidaten Roderich (Rodrigo) 711 bei Jerez de la Frontera schlugen. In wenigen Jahren unterwarfen sie fast ganz S., lediglich im N konnten sich christl. Kleinreiche behaupten. Das maurische Spanien und die Zeit der Reconquista: Seit 756 bildete das muslim. S. das selbstständige Emirat (ab 929 Kalifat) von Córdoba unter der Dynastie der Omaijaden. Unter wirtschaftl. und kulturellen Gesichtspunkten bedeutete die gegenüber Juden und Christen weitgehende Toleranz übende muslim. Herrschaft eine Blütezeit mit bed. Ausstrahlung auf das mittelalterl. Abendland. 1030 zerfiel das Kalifat nach dem Sturz des letzten Omaijaden in eine Reihe von Teil-Ft. (arab. Taifa), die in der Folgezeit ein Opfer der christl. Reconquista wurden.
Das früheste christl. Herrschaftszentrum seit dem Untergang des Westgotenreichs lag in Asturien, von wo die christl. Reconquista unter König Pelayo 722 ihren Ausgang nahm. Im Pyrenäenraum stieg die Gft. Barcelona als ein Teil der zu Beginn des 9. Jh. eingerichteten Span. Mark des Fränk. Reiches zu bestimmendem Einfluss in Katalonien auf. Auch Navarra, das sich im Wesentlichen mit dem bask. Siedlungsgebiet deckte, kam im 10./ 11. Jh. zu einer bed. Staatsbildung. Kastilien nahm als selbstständiges Kgr. seit 1035 einen raschen Aufstieg (1037 Erwerb Leóns [endgültig 1230]; im Kampf gegen die Mauren [Cid, el] bis um 1085 Eroberung Neukastiliens). 1236 wurde Córdoba, 1243/66 Murcia, 1248 Sevilla, 1262 Cádiz, 1344 Algeciras, 1462 Gibraltar erobert. Als einziges muslim. Reich in S. konnte sich Granada behaupten. In Aragonien, ebenfalls seit 1035 selbstständig, gelang es den Königen, den Muslimen Zaragoza zu entreißen (1118), den Herrschafts- bzw. Siedlungsbereich bis zum Ebro auszuweiten, 1137 durch Heirat Katalonien zu erringen, 1229-87 die Balearen, etwa 1238 Valencia zu erobern und Sizilien (1282), Sardinien (1323-25) und Neapel (1442) zu erwerben. In ihrer inneren Struktur waren die aragones. Reiche - in deutl. Unterschied zu den unitar. Tendenzen Kastiliens - föderalistisch organisiert (eigene Verfassungs- und Sozialordnung in Aragonien, Katalonien und Valencia).
Spanien unter den Katholischen Königen und den Habsburgern (1479-1700): Nach jahrhundertelangen Rivalitäten wurden die beiden Kgr. Kastilien und Aragonien als Folge der Heirat Isabellas I. von Kastilien-León (« 1474-1504) und Ferdinands II. von Aragonien (« 1479-1516) nach dem Kastil. Erbfolgekrieg 1479 in einer Personalunion vereinigt, blieben jedoch in ihrer jeweils bes. Verfassungs- und Sozialordnung erhalten. Die ›Kath. Könige‹ (so der ihnen vom Papst 1496 verliehene Titel) stärkten die Macht der Krone gegenüber Adel und Bischöfen (u. a. die Inquisition) und eroberten das letzte maur. Reich Granada (1492). Die Entdeckung Amerikas durch Kolumbus im gleichen Jahr sowie der Vertrag von Tordesillas (1494) schufen die Grundlagen für die überseeischen Reiche der Krone Kastiliens. Nach dem Tode Ferdinands II. (1516) wurde dessen Enkel Karl, Sohn der Erbtochter Johanna der Wahnsinnigen und des Habsburgers Philipp des Schönen von Burgund, span. König. Von mütterl. Seite Erbe der span. Reiche, war Karl I. von väterl. Seite zugleich Herr der habsburg. Besitzungen in Österreich und Burgund einschließlich der Niederlande; 1519 wurde er überdies als Karl V. zum Röm. König gewählt (seit 1530 Kaiser). Obwohl Karl 1521 die österr. Erblande an seinen Bruder Ferdinand abtrat, stieg S. in mehreren Kriegen gegen Frankreich und durch die Vorherrschaft in Italien zur europ. Hegemonialmacht auf. Die Konquistadoren H. Cortez und F. Pizarro eroberten gleichzeitg riesige Gebiete in Nord-, Mittel- und Südamerika (spanische Kolonien) für die nun führende, wirtschaftlich aufblühende Kolonialmacht. Philipp II. (« 1556-98), derdie Rüstung König Phillips die Kaiserwürde nicht erbte, konnte 1559 gegenüber Frankreich im Frieden von Cateau-Cambrésis die span. Vorherrschaft in Italien (unter Karl V. um Mailand erweitert) wie in ganz Europa behaupten (abgesehen von den zunächst unterschätzten aufständ. niederl. Generalstaaten); S., die Heimat des Jesuitenordens, wurde zur Vormacht des europ. Katholizismus und der Gegenreformation. Mit dem Seesieg von Lepanto (1571) wurde die Seeherrschaft der Osmanen im westl. Mittelmeer gebrochen. Die Annexion Portugals mitsamt seinen überseeischen Kolonien (1580) legte den Grund für die Verlagerung der Außenpolitik auf den atlant. Raum mit dem Hauptgegner England (offene Konfrontation 1588; Armada). Das Jh. vom Tode Philipps II. bis zum Aussterben der span. Habsburger mit Karl II. (« 1665-1700) war für S. trotz einer künstler. Blütezeit (›siglo de oro‹) eine Epoche des Niedergangs. 1648 musste S., das aufseiten der österr. Habsburger in den Dreißigjährigen Krieg eingegriffen hatte, die Unabhängigkeit der niederl. Generalstaaten und ihrer Kolonien anerkennen. 1640 erklärte Portugal seine Unabhängigkeit (1668 von S. anerkannt). Niederländer, Franzosen und Engländer brachten weite Teile des span. Kolonialreichs an sich, seit der Mitte des Jh. dominierte die engl. Flotte im Atlantik.
Spanien unter den ersten Bourbonen (1700-1808): Im Spanischen Erbfolgekrieg (1701-13/14) konnte der Bourbone Philipp V. (« 1700-46) sein Königtum behaupten, sein Herrschaftsbereich wurde im Utrechter Frieden von 1713 auf Kastilien (unter Verlust Gibraltars und Menorcas an Großbrit.), Aragonien und die amerikan. Reiche beschränkt (Verlust der span. Nebenländer, der span. Niederlande, Mailands, Neapel-Siziliens und Sardiniens im Wesentlichen an Österreich). Wichtigster Bündnispartner war seit den Bourbon. Familienpakten (1733, 1743, 1761) Frankreich (mit kurzer Unterbrechung im 1. Koalitionskrieg). Die daraus folgenden verlustreichen Auseinandersetzungen mit Großbrit. und Portugal (Vernichtung der frz.-span. Flotte bei Trafalgar, 1805) führten zur Abhängigkeit von Frankreich; 1808 zwang Napoleon I. Ferdinand VII. zum Thronverzicht und machte seinen Bruder Joseph zum König von Spanien. Von der frz. Fremdherrschaft bis zur Republik (1808-74): Am 2. 5. 1808 brach in Madrid ein Volksaufstand aus, der sich zum span. Unabhängigkeitskrieg gegen die frz. Besatzer ausweitete. 1812 verabschiedeten die in Cádiz zusammengetretenen Cortes eine Verfassung, die von nat. und liberalem Geist geprägt war; 1813 konnten die Franzosen mit brit. Hilfe vertrieben werden. 1814 kehrte Ferdinand VII. (« 1814-33) zurück, weigerte sich jedoch, auf die Verfassung von 1812 den Eid abzulegen, und regierte nach der Niederschlagung der liberalen Revolution von 1820 absolutistisch mit Unterstützung konservativer Kreise. Unter ihm gingen die span. Kolonien in Lateinamerika bis auf Kuba und Puerto Rico verloren. Thronfolger Ferdinands VII. war seine Tochter Isabella II. Der jüngste Bruder Ferdinands erkannte jedoch die weibl. Erbfolge nicht an und ließ sich als Karl V. zum Gegenkönig ausrufen. Der folgende blutige Bürgerkrieg (Karlisten; 1833-39) entschied den Thronfolgestreit zugunsten Isabellas (« .1833-68). Die wegen ihrer klerikal-absolutist. Neigungen bei fast allen Parteien verhasste Königin wurde 1868 durch eine Revolte radikal-liberaler Militärs gestürzt. Der im Nov. 1870 von den Cortes zum König gewählte Amadeus, der Sohn König Viktor Emanuels II. von Italien, verzichtete angesichts eines neuen Karlistenkrieges (1872-76) 1873 auf den Thron. Alfons, der Sohn Isabellas, wurde 1874 durch einen Generalsputsch zum König proklamiert (Alfons XII.; « 1875-85).
Von der Restauration bis zum bourbonischen Exil (1875-1931): Das polit. System der Restauration war durch eine enge Verbindung liberaler und konservativer Prinzipien im Interesse von Landbesitz und Industriebürgertum bestimmt, weder die Landbevölkerung noch die neu entstandene Industriearbeiterschaft v. a. Kataloniens wurden in das polit. und gesellschaftl. System integriert. Im Spanisch-Amerikanischen Krieg 1898 verlor S. Kuba, Puerto Rico und die Philippinen. 1899 verkaufte S. die Karolinen, Marianen und die Palauinseln an das Dt. Reich. Ersatz für die Verluste von 1898 suchte S. seit 1904 in Marokko. Im 1. Weltkrieg blieb S. neutral. Im Sept. 1923 errichtete M. Primo de Rivera y Orbaneja mit Zustimmung des Königs eine Militärdiktatur; es gelang ihm jedoch nicht, die erwünschte Legitimation durch das Volk zu erreichen (Rücktritt Febr. 1930). Nach einem Wahlsieg der Republikaner im April 1931 verließ Alfons XIII. (« 1886-1931) ohne förml. Abdankung das Land; unmittelbar darauf wurde die Republik proklamiert.
Die 2. Republik und der Bürgerkrieg (1931-39): Die Regierung M. Azaña y Díaz suchte S. zu einem demokrat. (Verfassung von 1931), regionalist. (begrenzte Autonomie für Katalonien) und laizist. Staat umzuformen, traf aber sowohl bei den Anarchosyndikalisten und revolutionären Marxisten als auch beim Großgrundbesitz und dem Großbürgertum sowie bei der kath. Kirche auf Opposition. Nach dem knappen Wahlsieg der Volksfront (Republikaner, Sozialisten und Kommunisten) im Febr. 1936 verschärften sich die innenpolit. Gegensätze; im Juli 1936 kam es in Marokko zu einer Militärrevolte nationalist.-autoritärer Kräfte, die sofort auf das Mutterland übergriff und zum Spanischen Bürgerkrieg (1936-39) führte. Die Führer des Aufstandes bildeten eine Junta, die im Sept. General F. Franco Bahamonde zum Chef der nationalspan. Regierung und des span. Staates ausrief. Bereits im Nov. 1936 wurde seine Regierung von Deutschland und Italien anerkannt und von diesen seitdem politisch wie militärisch unterstützt. Nach der Eroberung Barcelonas brach Anfang 1939 die Republik zusammen; am 28. 3. 1939 zogen die nationalspan. Truppen in Madrid ein.
Das Regime Francos (1936/39-75): Das Regime Francos beruhte auf der Verbindung von traditionell konservativen Vorstellungen mit faschist. Prinzipien, letztere v. a. von der Falange verfochten; demokrat. und regionalist. Tendenzen wurden unterdrückt. Die polit. Sympathien Francos mit den Achsenmächten ließen S. nach dem 2. Weltkrieg, in dem S. neutral geblieben war, zunächst in polit. und wirtschaftl. Isolierung geraten. Ende der 1950er-Jahre wurden mithilfe des Internat. Währungsfonds und der OEEC umfassende Stabilisierungs- und Entwicklungsprogramme realisiert, die zum ›span. Wirtschaftswunder‹ führten. Die Reihe der span. Verfassungsgesetze von 1940-67 (u. a. sehr beschränkter Grundrechtskatalog) brachte eine allmähl. Milderung der diktator. Züge des Franco-Regimes, jedoch keinen grundsätzl. Kurswechsel. Parallel dazu regte sich polit. Widerstand (seit 1951 Streiks v. a. in Katalonien und dem Baskenland; terrorist. Aktionen illegaler Untergrundorganisationen, z. B. der radikalen bask. ETA [seit 1959]). Seit den 1950er-Jahren gab S. nach und nach fast alle seine afrikan. Besitzungen auf (spanische Kolonien). - Für die Nachfolge Francos war bereits 1947 die Wiedereinführung der Monarchie vorgesehen worden. Unter den verschiedenen Thronprätendenten der Bourbonen und Karlisten entschied Franco sich für Juan Carlos, den Enkel Alfons' XIII. (seit 1971 Stellvertreter des Staatschefs). Zwei Tage nach dem Tode Francos wurde er im Nov. 1975 als Juan Carlos I. zum span. König proklamiert.
Die Demokratie (seit 1975): Mit der Ernennung von A. Suárez González zum Min.-Präs. im Juli 1976 kam die Demokratisierung in Gang. Aus den ersten demokrat. Wahlen seit dem Bürgerkrieg im Juni 1977 ging die konservative Union des Demokrat. Zentrums (UCD) unter Suárez González als stärkste Gruppierung, wenn auch ohne absolute Mehrheit, hervor. Eine demokrat. Verfassung wurde am 7. 12. 1978 vom Volk angenommen. Nach den Wahlen von 1979, in denen die UCD eine relative Mehrheit gewann, wurden Autonomiestatuten für das Baskenland und Katalonien (Autonome Gemeinschaften) in Volksabstimmungen im Okt. 1979, für Galicien im Dez. 1980 angenommen, während das andalus. Autonomiestatut erst im Jan. 1982 zustande kam. Bis zum Febr. 1983 billigte der Kongress der Deputierten 13 Autonomiestatuten für das übrige S. (außer Ceuta und Melilla). Nach dem Rücktritt von Min.-Präs. Suárez González Ende Jan. 1981 kam es vor der Bestätigung des von der UCD zu seinem Nachfolger nominierten stellv. Min.-Präs. L. Calvo-Sotelo zu einem Putschversuch rechtsgerichteter Militärs, der jedoch durch das öffentl. Eintreten des Königs für die Demokratie zusammenbrach. Die Parlamentswahlen 1982 und 1986 brachten den Sozialisten (PSOE) unter Führung von F. González Márquez die absolute Mehrheit im Parlament; sie bildeten die erste rein sozialist. Regierung Spaniens, die auch durch den denkbar knappen Verlust der absoluten Mehrheit von 1989 nicht gefährdet wurde. Unter ihrer Leitung verblieb S. nach heftigen innenpolit. Auseinandersetzungen in der NATO und wurde zum 1. 1. 1986 Mgl. der EG. Bei Wahlen im Juni 1993 verlor die PSOE die absolute Mehrheit, bildete jedoch unter Duldung regionalist. Parteien eine Minderheitsregierung. Aus den Wahlen vom März 1996 ging die PP unter J. M. Aznar als stärkste Partei hervor; Aznar bildete im Mai unter Duldung regionalist. Parteien ebenfalls eine Minderheitsregierung.

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Quelle: Meyers Lexikonverlag, Lexirom 1997